Salvatore Smedile
Salvatore Smedile, geb. 1959 als Sohn italienischer Einwanderer in Winterthur, wo er bis 1992 lebte. Seine erste Veröffentlichung, der Erzählband Gli occhi e le volpi (Lalli Editore), geht auf das Jahr 1987 zurück. 1991 erscheint sein Lyrikband Il passo delle tartarughe (Book Editore). Nach seiner Umsiedlung nach Italien erscheinen weitere Gedichtsammlungen, von denen La Taverna di Brest (Edizioni ETS, 2005, Neuauflage 2008) die bekannteste ist und in der Folge auch für die Bühne bearbeitet wurde. Es entstand auch eine von Alberto Valente illustrierte Ausgabe. Aus den Jahren 2024 und 2025 stammen La volontà dell’Ovest (Book Editore) und Dove i prati dormono (Eretica editore). Smedile hat sich vielfältig literarisch betätigt, auch als Verfasser von Theaterstücken und als Initiant von Literaturveranstaltungen im In- und Ausland. Beruflich hat er bis vor kurzem als Betreuer von psychisch Kranken gearbeitet. Er lebt in der Nähe von Turin. 2020 lernt er den Übersetzer Christoph Ferber kennen, der nun eine Auswahl von siebzig Gedichten (etliche davon unveröffentlicht) zusammengestellt und ins Deutsche übersetzt hat.
Veröffentlichungen
– Gli occhi e le volpi, Lalli Editore 1987
– Poesie da camera, Firenze Libri 1989
– Figure che non corrono (in Zusammenarbeit mit dem Maler Claudio Conte) il tachipiria, Zürich 1990
– Il passo delle tartarughe, Book Editore 1991
– Di una morte eroica, Book Editore 1992
– L’arciera, Selbstverlag 1994
– La taverna di Brest, Edizioni ETS 2005 (Neuauflage 2007)
– La taverna di Brest, mit Illustrationen von Alberto Valente, ARCA Edizioni, Turin 2014
– Alfabeti (in Zusammenarbeit mit Alberto Valente), ARCA Edizioni, Torino 2017
– La volontà dell’ovest, Book Editore 2024
– Dove i prati dormono, Eretica Edizioni 2025
Beim Verlag allachiarafonte, Lugano erscheint im Oktober 2026 eine Auswahl von Gedichten Salvatore Smediles, die Christoph Ferber ausgewählt und ins Deutsche übertragen hat.
Hier der Vorabdruck des Vorworts von Christoph Ferber:
Salvatore Smedile wurde 1959 als Sohn italienischer Einwanderer in Winterthur geboren; bis 1992 lebte er in der Schweiz, wo er als Italienisch-Lehrer tätig war. Die Schweiz, die er positiv erlebte, findet auch in einigen seiner Gedichte Platz. Seine erste Veröffentlichung, ein Erzählband, geht auf das Jahr 1987 zurück. 1991 erschien die Lyriksammlung Il passo delle tartarughe (Der Schritt der Schildkröten), die auf einige Beachtung stieß. Auch wenn sie vor allem im väterlichen Sizilien spielt, meint ein Kritiker: «Wir befinden uns in einer undefinierten Welt, in einem nicht präzisierten Ambiente, in unbestimmten Zeiten, und die Bilder sind immer neu und unterschiedlich, oft bestechen sie durch die Kraft der Beschwörung, manchmal durch ungewöhnliche Formulierungen.» Schmerz und Unruhe sind in diesen noch bedächtig wie die Schildkröte daherkommenden Gedichten – einfachen, doch rhythmisch eindringlichen Gebilden – ebenso vorhanden wie die Freude über Schönes, Vergangenes.
1992 übersiedelte Smedile nach Italien, wo er sich vielfältig literarisch betätigt hat, auch als Verfasser von Theaterstücken und als Initiant und Teilnehmer von Literaturveranstaltungen im In- und Ausland. Beruflich hat er bis vor kurzem als Betreuer von psychisch Kranken gearbeitet.
Sein bekanntestes und wohl bedeutendstes Werk ist La taverna di Brest, das erstmals 2005 erschienen ist. Nach Sizilien und dem Mittelmeer ist es nun die Atlantisküste der Bretagne, die Protagonist wird und andere Geheimnisse, Mythen sowie innere und äußere Landschaften enthüllt. Landschaften, die rauer, abschüssiger und abwechslungsreicher sind, die von epischen Schifffahrern, von Walfischfängern und Piraten berichten. Das Buch ist all ihnen, die er als uomini di mare bezeichnet und zu denen er auch seinen Großvater zählt, gewidmet. Gewidmet ist aber auch fast jedes Gedicht, zumeist Balladen, einem Du, das teilnehmen soll an den Abenteuern (und Nostalgien) des Autors, der hier auch zu einer konkreteren, eines Schiffsmanns würdigen, härteren Sprache findet. Smediles Musikalität ist manchmal brüsk und eckig, aber doch voll versteckter Harmonien.
Rund zwei Jahrzehnte nach der Taverne von Brest vollendet er seine Meerestrilogie mit den Bänden La volontà dell’Ovest (2024) und Dove i prati dormono (2025). Während im ersten Band vom Weg nach Santiago, also nach Westen, die Rede ist, versinnbildlichen die «schlafenden Wiesen» Irland, das er zwei Mal besucht hat. Bei den dreiunddreißig Gedichten des Willens zum Westen (gleich den Etappen des Santiagowegs) handelt es sich vor allem um eine Reise ins Innere, kadenziert durch die Schritte des Wanderers oder Pilgers (der aber eine laizistische, wenn nicht gar pantheistische Weltanschauung hat). Fisterra, auch Finisterre, ist das Ziel, wo «Leben und Tod nicht getrennt, sondern durch eine zirkulare Zeit vereint sind, in der die Gegenwart das Zentrum aller Fluchtwege ist», wie der Autor treffend in einer Anmerkung zum Band schreibt. Fliehen vor sich selbst, und dabei zum Selbst finden: das ist es wohl, was Smedile in vielen seinen Gedichten – inhaltlich nur angedeutet, rhythmisch aber klar und präzise – versucht. Auch der Irlandband kann dem Genre der Reiselyrik zugeordnet werden, auch hier wird ein Territorium durchstreift, das Fremde wird nicht nur bestaunt, sondern auch verinnerlicht und so Teil einer Erfahrung, die einem Du, oft eine Frauengestalt, mitgeteilt wird. «Nun verstehe ich, dass ich / auf dem richtigen Platz bin, / dass ich sagen kann, / wohin mich meine geschundenen / Füße getragen haben», steht am Schluss seiner Reise ans «Ende der Erde» (Finisterre), von Irland hingegen nimmt er Abschied mit den Zeilen:«Wenn die Zeiten / nicht ändern, bleiben die Formen des Abschieds / die gleichen. Sammle die Erinnerungen, / es gilt nach Hause zu gehen.»
Neben diesen vier Bänden hat Smedile rund zehn kleinere Lyriksammlungen verfasst, die bisher unveröffentlicht sind. Er hat sie mir in den letzten sechs Jahren übergeben. Ich habe auch darin eindringliche, in die Tiefe reichende Gedichte entdeckt, in denen die gedanklichen Ansätze in eine beeindruckende, einfache Sprache verwandelt wurden. Man liest die Verse in einem Atemzug, fühlt sich danach erleuchtet und erhellt. Meine Auswahl umfasst also das gesamte lyrische Werk von Salvatore Smedile, wobei mehr als dreißig Gedichte auch im Original hier erstmals abgedruckt werden.
Christoph Ferber
Da: Il passo delle tartarughe
L’inverno va
come la lumaca
quando spunta il sole.
I suoi occhi si colorano
di tutti colori
i suoi occhi sono i raggi
che penetrano il bosco
dov’è la mia casa
dov’è il mio dormire trepido
con le candele spente
sotto il letto di ciliegio acerbo.
I suoi occhi
sono occhi di lumaca
sono occhi di candela
sono occhi di ciliegio.
Aus: Der Schritt der Schildkröten
Der Winter geht
wie die Schnecke,
wenn die Sonne erscheint.
Ihre Augen färben sich
mit allen Farben,
ihre Augen sind Strahlen,
die den Wald durchdringen,
wo mein Haus ist,
wo mein ängstliches Schlafen ist,
mit den gelöschten Kerzen,
unter dem herben Kirschholzbett.
Ihre Augen
sind Schneckenaugen,
Augen von Kerzen
Augen vom Kirschbaum.
Come giungono
se ne vanno
le parole che erano
a costruire la terra
a costruire il mare
le parole dipinte
(“la poesia della vita”
diceva lo zio
se tornavano le rondini).
La cetra
non si accorda
se il cuore è duro
se il cuore è arido.
Come sono giunte
se ne sono andate
le parole.
Wie sie kommen,
wie sie gehen,
die Worte, die da waren,
um die Erde zu schaffen,
um das Meer zu schaffen,
die gemalten Worte
(«die Poesie des Lebens»
sagte der Onkel,
wenn die Schwalben erschienen).
Die Zither
lässt sich nicht stimmen,
wenn das Herz hart ist,
wenn das Herz dürr ist.
So wie sie gekommen sind,
sind sie gegangen,
die Worte
«Papà, vengono i lupi stasera?»
gli chiedevo
seduto sulla scala.
Era l’epoca della radio
e la scala era di legno.
«Certo che vengono!»
e i lupi non venivano
e io lo spiavo nella sera
della sua domenica comune
nella sua libertà
era l’epoca della radio
era la vita di mansarda
ammucchiati dentro una camera
come dei conigli
era la vita degli esuli
era la vita mia distratta
dai temporali e dalle nevi.
«Papà, kommen heute Abend die Wölfe?»
fragte ich ihn
auf der Treppe sitzend.
Es waren die Zeiten des Radios,
und die Treppe, sie war aus Holz.
«Gewiss, sie kommen!»
Und die Wölfe, sie kamen nicht.
Und ich ich lauerte ihm auf
in seiner Freiheit, am Abend
seines gewöhnlichen Sonntags.
Es waren die Zeiten des Radios,
es war das Leben in der Mansarde,
wie Kaninchen zusammengepfercht
in einem Zimmer,
es war das Leben der Emigranten,
es war mein von Gewittern
und Schneewehen zerstreutes Leben.
Da: La taverna di Brest
La taverna di Brest
se l’è mangiata il tempo.
Rainer la scelse
per l’ultima volta e
l’ultima volta fu.
Chi è rimasto a bere birra
che sa di oceano e torba
lo può raccontare. Brest,
armonia vocale
che scalza il cuore
vi dà una speranza o marinai
perduti in quelle nebbie
che non sapete navigare! …
Sarà vero che da lontano tutto è più vicino?
Con questa domanda aspetto il mio turno
e scrivo sul bloc notes:
Sera che ti avvicini,
fredda e avvelenata,
hai deciso come apparirai
in mare aperto?
Aus: Die Taverne von Brest
Die Taverne von Brest
ist von der Zeit
aufgegessen worden
Rainer hat sie ein letztes
Mal gewählt und das letzte
Mal war es.
Wer immer noch Bier trinkt,
das nach Torf und nach Ozean
riecht, kann es erzählen. Brest,
Vokal-Harmonie,
die das Herz unterhöhlt,
gibt euch Matrosen, verloren
in den Nebeln, die ihr
nicht zu befahren versteht,
eine Hoffnung! …
Ist es wahr, dass von weitem alles viel näher ist?
Mit dieser Frage warte ich, bis ich
an der Reihe bin
und schreibe in meinen Bloc notes:
Abend, der du dich näherst,
kalt und vergiftet,
hast du entschieden, wie du auf offener See
uns erscheinst?
Legno umido e sale
l’odore chiuso qui dentro.
Ogni sera qualcuno viene
a rinnovare vecchie storie
e la tristezza se ne va.
Siamo uomini forti
che guardano avanti.
Quante donne ci hanno visto
partire con il sacco di juta …
Dentro, illese
le nostre speranze
di ritornare coi bauli colmi d’amore
per non ripartire più, diversi
nel corpo e nell’anima.
Saturi di vita.
Quante madri
ci hanno aspettato invano!
Perché la fame era la fame
e il mare un richiamo
dal profondo.
Feuchtes Holz, Salz:
der Geruch hier drinnen.
Jeden Abend kommt jemand,
wiederholt alte Geschichten
und die Traurigkeit weicht.
Wir sind starke Männer,
die vorwärts schauen.
Wie viele Frauen haben uns
mit einem Jutesack wegziehen sehen …
Darinnen, intakt,
unsere Hoffnung
mit Koffern voller Liebe zurückzukehren,
um nie mehr wegziehen zu müssen,
anders in Körper und Herz.
Lebenserfahren.
Wie viele Mütter
haben uns vergebens erwartet!
Denn der Hunger war Hunger
und das Meer ein Ruf
aus der Tiefe.
Sei ancora viva
o sei sepolta sulle coste
dove batte il vento rigoroso
che colpisce il forte
delle nostre passioni?
Non muoiono
i cardi viola,
sono il mio pensiero
per quando non ci sono
a mitigare il freddo.
Mi chiedo se lo sai
che sei sempre tu
a guidarci al largo
dei discorsi da osteria.
Lebst du noch immer
oder bist du auf den Küsten beerdigt,
wo ein unerbittlicher Wind bläst
und die Festung
unserer Leidenschaft peinigt?
Die veilchenfarbenen Disteln
sind meine Gedanken
für die Zeit, wo ich nicht da bin,
die Kälte zu mindern.
Ich frage mich, ob du es weißt,
dass es immer noch du bist,
die mich wegführt, weit weg
von den Stammtischgesprächen.
Da: La volontà dell’ovest
Il filo del dire (Saint Jean Pied de Port)
Già di sera i tuoi occhi
annunciavano fredde piogge
che avremmo incontrato
nei giorni a venire.
Chissà quante volte hai
svelato cose che nessuno
sa nascondere come te.
È un’arte tenere il filo
del dire e del non dire:
l’ombra rimane ombra
anche se dichiara
quello che non è.
I frutti della tormenta
li avremmo visti da lí a poco,
petali sparpagliati
di una fredda primavera.
Siamo tornati indietro
con la mente, ieri
è un tempo che non è
più qui, che mai sarà.
Hai tenuto tutto per te
eppure ogni cosa
è leggibile e corporea,
le superfici hanno
un fondo che le muove,
un vento che le increspa,
le scuote e le risveglia.
Inseguiamo come cani
immagini apparenti
dimenticando che ogni gesto
è mosso dal pensiero.
La prima sera è la più dolce,
la seconda è la più inquieta;
il resto è un intrico
che si riannoda.
Come sarà domani?
ti chiederei, se tu
fossi ancora qui.
Aus: Der Wille zum Westen
Der Faden des Sagens (Saint Jean Pied de Port)
Schon am Abend verkündeten
deine Augen den kalten Regen,
auf den wir in den kommenden
Tagen treffen würden.
Wer weiß es, wie oft du nur
Dinge, die niemand so gut
wie nur du zu verbergen versteht,
enthüllt hast. Es ist eine Kunst,
den Faden des Sagens
und des Nicht-Sagens zu halten:
der Schatten bleibt Schatten,
auch wenn er erklärt, was nicht ist.
Die Früchte des Sturms,
wir würden sie bald genug sehen:
verstreut liegende Blütenblätter
eines kalt anmutenden Frühlings.
In Gedanken sind wir zurückgegangen:
Gestern ist eine Zeit,
die nicht mehr da ist
und niemals mehr sein wird.
Du hast alles für dich behalten,
und doch ist alles lesbar und körperhaft,
die Oberflächen haben
einen Grund, der sie bewegt,
einen Wind, der sie kräuselt,
der sie aufrüttelt, erweckt.
Wir folgen wie Hunde
aufscheinenden Bildern
und vergessen, dass jede Geste
vom Gedanken bewegt wird.
Der erste Abend ist mir der lieblichste,
der zweite der unruhigste;
der Rest ist ein Knäuel,
der sich immer wieder verknüpft.
Was bringt uns das Morgen?
Ich würde dich fragen,
wenn du noch da wärst.
Dei miei sollazzi (inedito)
Dei miei sollazzi vanto non mi fo
sebbene bussi forte il gran final
alla mia segreta porta la sua ora.
E mi beffo della sorte per spaesar
chi niente sa di ciò che non si vede
e non si tocca con le sole mani.
Passati sono gli anni più briosi
e volentieri scanserei di dir la mia.
Prendi posto che comincia la serata:
sarò io l’eroe per una sera; domani
si vedrà, dopodomani non si sa
chi la sorte muove, se pur un uccellin
mi disse che anche tu salisti a bordo
del barcone che si dirige verso l’Ade.
Mit meinen Lustmomenten
Ich prahle nicht mit meinen Lustmomenten,
auch wenn das Gran Finale an das Tor,
das heimliche, mit festem Schlag schon klopft.
Und übers Schicksal lache ich, um jene
die nichts von dem, was man nicht sieht und was
die Hand nicht anfasst, wissen, zu verwirren.
Die frohen, wilden Jahre sind vorüber
und über meine Meinung schweig ich gern.
Nimm Platz, der Abend hat begonnen,
für einmal bin ich Held, was morgen ist,
ist ungewiss, von übermorgen weiß man nichts,
so wie von unsrem Los, auch wenn ein Vöglein
mir sagte, dass auch du an Bord des Schiffs,
das sich zum Hades hin bewegt, gestiegen bist.